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Kurzbeschreibung

Kostbare Erinnerungen unserer Zeitgenossen auf allen Kontinenten werden jeweils am Aufführungsort gesammelt und durchlaufen einen Prozess poetischer Transformationen, deren Ergebnisse in einer Sprech-Performance auf die Bühne gebracht werden.

Theoretische Voraussetzungen und Zielsetzung

Die grundlegenden Überlegungen zu diesem Projekt basieren auf der Beschäftigung mit Texten von Friedrich Georg Jünger, Julian Jaynes, Elliot Weinberger und Plotin. Die weltweite Arbeit mit und an Erinnerungen, die individuell als kostbar erachtet werden, geschieht unter der theoretischen Prämisse der Fiktionalität des Erinnerten. Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: "Erinnerung malt mit goldenem Pinsel". Daraus ersehen wir, daß Erinnern kein bloßes Abspeichern des sinnlich Wahrgenommenen ist. Bereits die Aufnahme von Sinneseindrücken verfälscht gewissermaßen die Wirklichkeit, je nach individuellen Voraussetzungen und Interessen. Die Verarbeitung des Wahrgenommenen im Gedächtnis potenziert diesen Vorgang. Es findet eine Fiktionalisierung des Erlebten statt, die wie das chinesische Sprichwort sagt, eine beschönigende Arbeit an einem Bild oder Text ist - erst dadurch entsteht das, was wir Erinnerung nennen, erst dadurch wird die Erinnerung kostbar. "Die Vollstreckung kostbarer Erinnerungen" macht diese Arbeit des Bewußtseins transparent. Verborgene und vereinzelte Erinnerungen schreiben sich in ein komplexes Textgefüge ein. Angestrebt wird wenigstens eine "Vollstreckung" je Sprach- und Kulturaum: Mittel- und Südeuropa, Osteuropa und Skandinavien, Nord- und Südamerika, Afrika, indischer Subkontinent, Asien, Australien, Neuseeland und Ozeanien. Die Summe des für die Performances berarbeiteten Materials wird für eine Buchveröffentlichung aufbereitet.


Aufführungen

"Die Vollstreckung kostbarer Erinnerungen" ist als weltumspannendes Projekt konzipert, das 1994 in Berlin begonnen wurde.
Weitere Afführungen fanden statt in:
Tokyo, Osaka und Buenos Aires 1995
Stockholm 1998
Yaoundé (Kamerun) 1999
London, Meltdown Festival 1999, Besprechung von Anna Clare McDuff
Neu Delhi, 1999
Krakau, 2001

Dokumentation der Aufführung in Kamerun

21.01.99 bis 31.01.99 Goethe Institut Yaoundé, Kamerun
Nsimalen International Airport-Hotel-Restaurant-Goethe Institut-Hotel-Restaurant-Hotel-Haus Anders-Hotel-Goethe Institut-Restaurant-Hotel-Goethe Institut-Hotel-...-...-...
Stadtrundfahrt-Haus Helen-Garten Anders-(Club)-Hotel-Restaurant-Hotel-Nsimalen International Airport : so verliefen zehn arbeitsreiche Tage in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, wo Blixa Bargeld auf Einladung von Peter Anders, Direktor des dortigen Goethe Instituts, "Die Vollstreckung kostbarer Erinnerungen" zur Aufführung brachte.

Mr. Ali im Garten des Goethe Instituts.
Mr. Ali ist der Chauffeur, mit dem wir all diese Strecken zurückgelegt haben.

Wir arbeiteten zunächst im klimatisierten Haus des Goethe Instituts an der Avenue John F. Kennedy im Zentrum der Hauptstadt Kameruns. (Für einen Mitteleuropäer ist das Äquatorialklima Kameruns auch in der Trockenzeit recht ungewohnt.)

Der erste Schritt der Arbeit war das Lesen der beantworteten Fragebögen: Wir haben drei Tage lang gelesen und ausgewählt. Die Antworten auf manche Fragen waren sehr ausführlich. Was uns auffiel: die Härte der Strafen in der Kindheit, die tiefe Religiosität und Ehrfurcht vor Mysteriösem, der völlig von unserem abweichende Naturbegriff, die Verschwiegenheit des Sexuellen und immer wieder die Freude am Fabulieren. Es wurden wunderbare Geschichten erzählt. Mit der ersten Auswahl an Texten begannen die Proben mit den Sprechern. Beim Vortragen der Texte wurde die endgültige Auswahl und Reihenfolge festgelegt. Später kamen die Musiker dazu. Die Atmosphäre der Geschichten aus der Kindheit, der Erinnerungen an die Natur, die Religion und die Liebe wurde in eine zurückhaltende Musik übersetzt, gespielt auf traditionellen afrikanischen Instrumenten. Am Tag der Aufführung zogen wir auf die Bühne im Garten um.

Am 29.01.99 fand im Garten des Goethe Instituts die Aufführung statt. Musik und Geräusche von Francois Essindi und MC Etienne Olanguena, Geräusche, Dirigent und Sprecher Blixa Bargeld, Sprecher Hélène Beleck und Eshu. Und alle zusammen singen.

 

Dokumentation der Aufführung in Neu Delhi, Indien


Die Vollstreckung kostbarer Erinnerungen wurde am 24. und 25. September 1999 im Max Mueller Bhavan in New Delhi aufgeführt.
Sprecher: Maya Krishna Rao, Arjun Raina, Blixa Bargeld.
Musiker: Rohit Anand (Flöte), Radhe Shyam Sharma (Pakhawaj), Hari Mohan Sharma (Tabla), Vijay Kumar Sharma (Tanpura), Dharminder Katha (Harmonium).



Vom 15. 09.99 bis 26.09.99 waren wir auf Einladung von Peter Sewitz, Programmdirektor des dortigen Max Mueller Bhavan (das ist der Name der Goethe Institute in Indien) in Neu Delhi, um ein weiteres mal das Projekt Die Vollstreckung kostbarer Erinnerungen zu realisieren. Wir begannen gleich nach unserer Ankunft die ausgefüllten Fragebögen zu lesen und Texte auszuwählen. Die Textmenge war hier bei weitem nicht so groß wie etwa in Yaoundé. Auf unsere Nachfragen bekamen wir zur Antwort, es sei in Indien nicht üblich sich über derartig private Dinge zu äußern. Wie auch immer mußten wir aus dem vorhandenen Material ein Skript für die Aufführung erarbeiten. Wie auch an allen anderen Orten, waren in Neu Delhi die Erinnerungen aus der Kindheit am zahlreichsten.

Maya Krishna Rao, Video 2,4MB

Eine Woche lang wurde zuerst mit den Sprechern und später zusammen mit fünf klassischen indischen Musikern geprobt. die Aufführungen fanden im Garten des Max Mueller Bhavan statt.

Am Ende der Aufführung standen Zukunftsträume der Befragten. Es gab die Geschichte einer jungen Frau, die sich ausmalt wie ihr Liebster ihr im Frühling im Haus ihrer Eltern einen Heiratsantrag macht, plötzlich sich alle Türen öffnen, alle Freunde hereinkommen und die Eltern alles auf Video aufzeichnen. Und das statement eines jungen Mannes.
Arjun Raina, Video 704 KB

Videos von Christian Beetz

 

Praktische Durchführung

Jeder Aufführungsort ist gleichzeitig Ort der Erarbeitung der jeweiligen Performance. Dazu ist es notwendig vor Ort einige Vorbereitungen zu treffen. Die Fragebogen, in die die Erinnerungen eingetragen werden, sind zunächst in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Eine breit gestreute Verbreitung der Fragebogen innerhalb des jeweiligen Ortes oder Landes ist zu gewährleisten. Das kann direkt über das Goethe Institut, per Ankündigung in der Presse und persönliche Weitergabe geschehen. Wünschenswert ist es, auch den Personenkreis in die Befragung einzubeziehen, der bei den Aufführungen Teil des Publikums sein wird. Für eine produktive Arbeit ist ein Rücklauf von 80 bis 120 ausgefüllter Fragebogen erforderlich. Die Verteilung und Bearbeitung der Bogen muß selbstverständlich die Anonymität der Befragten sicherstellen. Die 50 Fragen, die zu beantworten sind, zielen auf kostbare Erinnerungen aus unterschiedlichen Bereichen des persönlichen Erlebens, z. B. Natur, Kindheit, Sexualität, etc. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei die Rolle der Sinneswahrnehmungen innerhalb des Erinnerten. Das so gesammelte Material wird ins Deutsche (durch Lehrer und Sprachschüler des Goethe Instituts) übersetzt. An diesem Punkt beginnt die Auswertung durch Herrn Bargeld zusammen mit den Übersetzern und freiwilligen Helfern, die sich über den Zeitraum einer Woche erstreckt. Das gewonnene Material wird nicht im Sinne einer Statistik bearbeitet, die Ergebnisse erheben nicht den Anspruch auf Repräsentativität. Vielmehr werden die kostbaren Erinnerungen wie literarische Texte nach ihrem Gehalt und nach formalen Kriterien geordnet. Fragmente des Erinnerten werden zu neuen Texten montiert und für die Live-Präsentation bearbeitet; stereotype Wendungen ausfindig gemacht, kompiliert und als Sprech-Loops in die Performance eingebracht. Die Aufführungen finden in der jeweiligen Landessprache statt.

 

Logistik

Für die Bearbeitung und Auswertung des Materials wird ein Computer benötigt, bevorzugt Apple Macintosh. Für die Unterstützung von Herrn Bargeld als Sprecher wird entweder ein Simultan Dolmetscher auf der Bühne eingesetzt oder im Vorfeld ein Sprachtrainer, der die Einübung in die Aussprache der Landessprache übernimmt; des weiteren ein bis zwei einheimische Sprecher, die aktiv an der Aufführung teilnehmen. Für die Performances sollte für einen bis drei Abende ein geeigneter Veranstaltungsort zu Verfügung stehen, mit folgender technischer Ausstattung:

  • eine kleine Musikanlage
  • mehrere Mikrophone
  • zwei DAT-Recorder
  • Regiepult
  • Licht