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Anlagen
Textauszüge aus Julian Jaynes, Ursprung des Bewußtseins der bikameralen
Psyche und aus Friedrich Georg Jünger, Gedächtnis und Erinnerung.
Das Bewußtsein ist kein Abbild unseres Erlebens
Zwar kommt die Metapher von der Seele als einem leeren Informationsspeicher
- etwa nach Art einer Wachstafel - schon in den Aristotelischen
Schriften vor, aber erst seit John Locke im siebzehnten Jahrhundert
seinerseits die Seele mit einer " tabula rasa " verglich, ist
dieser Speicheraspekt des Bewußtseins so weit in den Vordergrund
gerückt, daß wir es uns heute als ein übervolles Archiv oder eine
Registratur von Erinnerungsbildern vorstellen, die in der Selbstbeobachtung
wieder hervorgeholt werden können. Wäre Locke ein Zeitgenosse
unseres Jahrhunderts, hätte er wohl zum Bild von der Kamera statt
von der Wachstafel gegriffen. Die Leitvorstellung ist jedoch in
beiden Fällen die gleiche. Und die meisten Menschen würden heute
im Brustton der Überzeugung vorbringen, die Hauptaufgabe des Bewußtseins
bestehe darin, Erlebniseindrücke zu speichern, sie abbildlich
festzuhalten wie eine Kamera, damit sie für spätere Betrachtung
zur Verfügung stehen. So könnte man meinen. Aber beantworten Sie
jetzt die folgenden Fragen : Schlägt die Tür des Zimmers, in dem
Sie sich befinden, rechts oder links an ? Welches ist Ihr zweitlängster
Finger ? (...) Wie viele Zähne sehen Sie beim Zähneputzen? (...)
Und falls Sie sich augenblicklich in einem Zimmer befinden, das
Ihnen vertraut ist : Schreiben Sie, ohne sich umzudrehen, alle
Gegenstände auf, die sich an der Wand hinter Ihrem Rücken befinden,
und prüfen Sie dann nach. Ich schätze, sie werden staunen, wie
wenig Sie sich von jenen vermeintlichen Bildern, die Sie aus soviel
vorangegangenem aufmerksamem Erleben aufgespeichert haben, bewußt
vergegenwärtigen können. Wenn die vertraute Tür plötzlich links
statt rechts anschlüge, wenn einer Ihrer Finger über Nacht länger
geworden wäre, oder wenn Sie plötzlich einen Zahn mehr als früher
im Gebiß hätten, (...) oder wenn das Fenster in Ihrem Rücken einen
neuen Griff bekommen hätte, dann würden Sie das auf Anhieb erkennen,
womit bewiesen wäre, daß Sie auch den früheren Zustand "kannten",
wenngleich er Ihnen nicht bewußt war. Dies ist der - für Psychologen
altvertraute - Unterschied zwischen Wiedererkennen und Erinnerung.
Was Sie erinnern, das heißt bewußt ins Gedächtnis zurückrufen
können, ist nur ein Fingerhut voll im Vergleich zu dem gewaltigen
Ozean Ihres faktischen Wissens. Experimente wie das vorige beweisen,
daß das bewußte Gedächtnis nicht, wie manchmal angenommen, im
Aufspeichern von Wahrnehmungsbildern besteht. Nur wenn Sie irgendwann
zuvor einmal bewußt auf die Länge Ihrer Finger oder auf die Tür
geachtet oder Ihre Zähne gezählt haben, können Sie sich an diese
Dinge erinnern,mögen Sie sie sonst auch noch so oft wahrgenommen
haben. Falls Sie nicht irgendwann einmal auf die Gegenstände an
Ihrer Wand besonders geachtet oder nicht zufällig diese Wand vor
kurzem geputzt oder frisch gestrichen haben, werden Sie staunen,
was alles Sie bei Ihrer Aufzählung ausgelassen haben. Und jetzt
überprüfen Sie das Ganze einmal im Licht Ihrer Selbstbeobachtung.
Haben Sie sich nicht in jedem einzelnen Fall gefragt, was da sein
müßte ? Waren es nicht vielmehr Überlegungen und Schlußfolgerungen
und nicht so sehr irgendein Bild, wovon Sie sich dabei leiten
ließen? -Die bewußte Rückschau besteht nicht im Wiederauffinden
von Sachverhalten, deren wir uns zu einem früheren Zeitpunkt einmal
bewußt waren, und in der Verarbeitung dieser Elemente zu einem
rationalen oder plausiblen Zusammenhang.
Das Gleiche läßt sich noch auf anderem Wege beweisen. Denken Sie
bitte daran zurück, wie sie das Zimmer betraten, in dem Sie jetzt
sind, und dieses Buch zur Hand nahmen. Betrachten Sie den Vorgang
in der Innenschau, und fragen Sie sich jetzt : Entsprechen die
Wahrnehmungsvorstellungen, die Sie haben, Ihren tatsächlichen
Wahrnehmungsfeldern, während Sie eintraten,sich hinsetzten und
zu lesen begannen ? Sehen Sie sich in Ihrer Vorstellung nicht
vielmehr in ganzer Person durch die Tür treten - Das Ganze vielleicht
sogar aus der Vogelperspektive ? Sehen Sie sich nicht - und sei
es auch nur verschwommen - Platz nehmen und das Buch ergreifen
? Dinge, die Sie niemals so erlebt haben, außer eben jetzt in
Ihrer Introspektion! Und könne Sie sich die mit dem Vorgang verbundenen
Geräuschfelder vergegenwärtigen ? Oder Ihre Hautempfindungen,
während Sie sich niederließen, das Gewicht von den Füßen auf den
Sitz verlagerten und das Buch aufschlugen ? Selbstverständlich
wären Sie in der Lage, wenn Sie lange genug nachdenken, das rückblickend
vorgestellte Geschehen so zu überarbeiten, daß sie in der Tat
das " sehen " , was Sie genauso beim Betreten des Zimmers gesehen
haben könnten ; daß Sie das Stuhlrücken und das Geräusch beim
Aufschlagen des Buches " hören " und die Hautempfindungen " spüren
" . Ich behaupte jedoch, daß dabei ein starkes Element von schöpferischer
Phantasie (...) am Werk ist, Phantasie, die das Erleben nicht
wiedergibt, wie es tatsächlich war, sondern wie es hätte gewesen
sein können. Oder vergegenwärtigen Sie sich introspektiv das letzte
Mal, da Sie beim Schwimmen waren : Ich vermute, Sie haben die
Vorstellung von einem Strand oder einem See oder einem Schwimmbecken,
die weitgehend ein Erinnerungsbild ist, doch wenn Sie jetzt zu
Ihrem Schwimmerlebnis kommen, holla ! - wie Nijinski sich selber
tanzen sieht, sehen Sie sich schwimmen, etwas, das Sie nie im
Leben direkt beobachtet haben ! Da ist verschwindend wenig von
Ihren tatsächlichen Empfindungen während des Schwimmens vorhanden
- von der konkreten Wasserlinie über Ihrem Gesicht , dem Gefühl
des Wassers an der Haut oder davon, wie weit die Augen unter Wasser
waren, wenn Sie den Kopf zum Atemholen drehten. * Ähnlich, wenn
Sie sich an das letzte Mal erinnern, da Sie unter freiem Himmel
übernachteten oder beim Eislaufen waren oder - wenn´s gar nicht
anders geht - sich öffentlich blamiert haben : Sie werden die
Dinge nicht mehr so sehen, hören, empfinden, wie Sie sie ursprünglich
erlebt haben, sondern sich mehr oder weniger wie eine fremde Person
in einer Szene auftreten sehen. Bei der erinnernden Rückschau
ist also eine gehörige Portion Erfindung mit im Spiel : Man sieht
sich So, wie andere einen sehen. Die Erinnerung ist das Medium
des " So muß es gewesen sein ". Allerdings bezweifle ich nicht,
daß sie in jedem der genannten Fälle auch in der Lage wären, sich
auf dem Wege der Schlußfolgerung eine subjektive Sicht des Erlebnisses
zu erfinden und dabei sogar überzeugt zu sein, es handle sich
um ein wirklichkeitsgetreues Erinnerungsbild.
* Das Beispiel ist einem streitbaren Aufsatz von Donald Hebb entnommen
: The Mind´s Eye, Psychology Today 2/1961.
Aus : Julian Jaynes "Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch
der bikameralen Psyche"
Der Geruchssinn als Schlüssel des Erinnerns
Ein Schlüssel des Erinnerns und Erschließer von erinnerten Wahrnehmungszusammen-
hängen ist, wie oft bemerkt wurde, der Geruchssinn. (...) Geruch
und Geschmack wurden von jeher, und von jeher zu Unrecht, mit
einer gewissen Verachtung behandelt (...) Dem Geruchssinn wird
vorgeworfen, daß er in seinen Empfindungen keine Ordnung, sondern
nur Mannigfaltigkeit hat und daß seine Quantitäten nur an den
Stoffen zu unterscheiden sind, die sie hervorbringen. (...) Gegen
den Vorwurf, der dem Geruchssinn gemacht wird, spricht schon,
daß er in Hinsicht auf die Wahrnehmungen von Quantitäten unser
schärfster und wirksamster Sinn ist.(...) Wenn wir uns eine Welt
denken, deren Dinge insgesamt geruch- und geschmacklos wären,
eine geruch- und geschmacklose Welt also, so würde sie nicht nur
eine Welt stark verminderter Wahrnehmungen sein, sondern auch
etwas Lebloses, Totes haben. Ihr würde zwar nicht die Bewegung,
aber jede die Bewegung begleitende Essenz fehlen. (...) Die Frage
ist hier, warum gerade Geruch, Duft, Aroma Schlüssel unseres Erinnerns
sind und Wahrnehmungszusammenhänge erschließen. Merkwürdig daran
ist, daß die Gerüche keinen in sich zusammenhängenden Wahrnehmungszusammenhang
haben, da die einzigen Wahrnehmungen, die wir an ihnen machen,
darauf hinauslaufen, daß sie stark oder schwach angenehm oder
lästig sind. Sie sind zudem unsichtbar und unhörbar, sind von
unendlicher Mannigfaltigkeit und der mit ihr zusammengehende,
an ihnen gerügte Mangel der Begrifflichkeit ist es, der sie zu
Schlüsseln des Erinnerns macht. Viele von ihnen, so die Gerüche
von Blumen, Kräutern, Gräsern, Getreide, Harz, sommerlich erhitztem
Holz sind auf bestimme Zeiten des Jahres eingeschränkt, und unser
Wahrnehmen und Wiederwahrnehmen verknüpft sie mit dieser Zeit.
Andere, wie die künstlichen Riechstoffe, nehmen wir zu allen Zeiten
wahr. Alle haften an Personen, Dingen und Dingzusammenhängen und
sind zugleich raumdurchdringend, so daß ihre feine, flüchtige
Bewegung , in der sie den eigenen Zusammenhang aufgeben, weiträumige
Wahrnehmungszusammenhänge durchflutet. Daran liegt, daß sie dem
Gedächtnis wenig, der Erinnerung viel sind. So führt der Duft
des Heus, der über weiten Wiesenlandschaften liegt, unser Erinnern
in weite Wiesenlandschaften zurück, so der Duft der Äpfel in herbstliche
Obstgärten. Insgesamt also sind die Gerüche für unser Wahrnehmen
zeitlich-räumlich bestimmt und gehen mit diesen Bestimmungen in
unser Erinnern ein. Doch liegt der Zusammenhang tiefer. Unser
Wahrnehmen ist vergänglich und vergeht ; im Moment des Vergehens
und Vergessens wird es verwahrt und festgehalten. Das Vergessen
knüpft sich nicht an die Dauer und das Beharren der Wahrnehmung,
sondern an ihren Untergang. Wir erinnern nicht Substanzen, die
unvergänglich sind, sondern die Veränderung ihrer Zustände, das
heißt den Wechsel der Bewegung an ihnen.Unsere zartesten und flüchtigsten
Wahrnehmungen sind durch eben so zarte, flüchtige und doch unzereißbare
Bänder mit dem Erinnern verknüpft. Wir halten die Bewegung nicht
in ihrer Fortdauer fest, sondern im Vergehen. Da die feinsten,
flüchtigsten Wahrnehmungen eins sind mit ihrer Vergänglichkeit,
ist auch unser Erinnern an ihr feines, flüchtiges Vergehen geknüpft.
Die Vergänglichkeit der Wahrnehmung ist die Voraussetzung alles
Erinnerns. Eine Bewegung, die in uns nicht endete, würden wir
nicht erinnern können. DieGerüche, die nicht nur vergängliche
Bewegung sind, sondern die Essenz dieser Bewegung mit sich führen,
erinnern uns nicht nur als solche ; sie bringen uns auch die Wahrnehmungs-zusammenhänge,
über die sie sich verbreiten, in die Erinnerung zurück. Der Zauber
dieser Welt liegt in der Vergänglichkeit ihrer Bewegungen. Der
Duft spricht diese Vergänglichkeit am wahrnehmbarsten aus ; eine
Bewegung, die nicht vergeht, würde keinen Duft haben können. Ein
Duft, der nicht vergeht, würde als Duft nicht wahrgenommen werden.
Der Zauber der vergänglichen Bewegung ist nichts anderes als das,
was wir Anmut nennen; Anmut tritt an der Bewegung in dem Grade
hervor, in dem sie flüchtig und vergänglich ist. So scheint der
Einwand gegen den Geruchssinn darauf hinauszulaufen, daß in seinen
Empfindungen nur das Vergängliche festgehalten wird.(...) Daß
alles vergänglich ist und daß alles wiederkehrt, gehört zusammen
; das Wiederkehren setzt das Vergehen ebenso voraus wie das Vergehen
die Wiederkehr. Kehrte nichts wieder, könnte nichts vergehen ;
verginge nichts, könnte nichts wiederkehren. Es ist alles Bewegung.
Das Aufblitzen dieser Bewegung im Licht ist schon ihr Verschwinden.
Die Tiefe der Bewegung ist ihre Flüchtigkeit ; aus der dahinschießenden
Schlange brechen Funken von Licht. Die Tiefe des Flüchtigen ist
die Anmut. (...) In der Anmut kommt Bewegung ans Licht, wird Licht.
aus : F.G. Jünger " Gedächtnis und Erinnerung " |